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Schlecht bezahlt, nicht abgesichert.

Zum RBB-Bericht ab Minute 2:10

Im Rahmen der Interkulturelle Woche 2020 hat der Diözesanrat in einem Podiumsgespräch die Lebenssituation von Beschäftigten in der 24-Stunden-Pflege thematisiert. Die schwierigen Arbeitsbedigungen und die schlechte Bezahltung deuten auf ein systemisches Problem hin, welchem sich die Politik und Gesellschaft drigend annehmen müssen. Hier berichtet der Moderator des Podiums, Burkhard Wilke, mit Auszügen und Zitaten.

Die fünf Fachleute auf dem Podium repräsentierten die ganze Spannweite und Komplexität des Themas:

  • Gerd Evers, Pflegedienstleiter bei der Caritas-Sozialstation in Berlin-Tegel, brachte die Perspektive der Pflegebedürftigen und ihrer Familien sowie die der voll ausgebildeten Pflegekräfte ein.
  • Anna-Katharina Dietrich vom Berliner Beratungszentrum für Migration und Gute Arbeit BEMA kennt die Bedarfe und die Not der geschätzt 600.000 Betreuungskräfte aus Osteuropa, die zumeist rund um die Uhr bei den Pflegebedürftigen in deutschen Haushalten leben.
  • Andreas Kaczynski, Vorstand beim Paritätischen Brandenburg, weiß wie Pflege und 24-Stunden-Betreuung organisiert werden, was sie kosten und was wegen der demographischen Entwicklung an enorm steigenden Kosten und Kapazitätslücken auf unsere Gesellschaft zukommt.
  • Michael Vollert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales spricht über die Möglichkeiten und Grenzen staatlichen Handelns und setzt einige Hoffnung in die Steuerungswirkung arbeits- und sozialrechtlicher Gerichtsurteile.
  • Dr. Karlies Abmeier, die neu gewählte Vorsitzende des Diözesanrats, stellt die katholischen Werte in den Mittelpunkt ihrer Statements und zeigt als langjähriges Mitglied im Wirtschafts- und Sozialausschuss des ZdK konkret die wirtschafts- und sozialethischen Eckpunkte des ZdK-Papiers “Gerechte Pflege in einer sorgenden Gesellschaft“ auf.

Das Problem: Nur ein Teil der Arbeitsverhältnisse ist legal, fast alle sind unterbezahlt; für Summen von rund 1.200 Euro im Monat müssen die Betreuungskräfte fast rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Einige der Frauen wissen nicht einmal wer ihr Aufraggeber ist oder dass sie hier als Selbstständige geführt werden. Und obwohl die meisten von ihnen kein Krankenpflegeexamen haben, setzen viele Spritzen, legen Verbände an oder üben andere Tätigkeiten aus, die eigentlich nur von Pflegefachkräften ausgeführt werden dürfen.

Abmeier: Nicht nur die Pflegebedürftigen sollten respektvoll behandelt werden, sondern auch die Osteuropäerinnen, die sich um sie kümmern. „Die Wertschätzung drückt sich einmal darin aus, dass sie einen ordentlichen Vertrag haben, der vernünftig abgeschlossen wird, dass sozialversicherungspflichtig gearbeitet wird, dass ordentliche Freizeit besteht und dass man sie auch als Mensch anerkennt.“

Dietrich: Angesichts der enorm hohen Kosten für eine professionelle, fair und legal bezahlte 24-Stunden-Pflege und -Betreuung müssen wir das Image von stationären Pflegeeinrichtungen verbessern. So wie man heute nicht mehr schlecht angesehen wird, wenn man eine Kinderbetreuungseinrichtung nutzt, so sollte es zukünftig wieder viel akzeptierter  und akzeptabler sein, sich bzw. seine Angehörigen in stationäre Pflege und Betreuung zu begeben. Das BEMA unterstützt Betreuungskräfte dabei, sich gegen unseriöse Auftraggeber zu wehren, notfalls mit anwaltlicher Hilfe. Das Hauptinstrument ist dabei die außergerichtliche Durchsetzung berechtigter Forderungen. „Die Frauen werden zu wenig bezahlt und außerdem sind die Arbeitszeiten völlig entgrenzt. Pausenzeiten, Ruhezeiten, Höchstarbeitszeiten werden nicht eingehalten. Diese Art von Sorgearbeit, die in der Regel von Frauen entrichtet wird, funktioniert ja auch nur, weil es diesen emotionalen Aspekt noch gibt.“ Das heißt, weil sie sich menschlich verpflichtet fühlen, sich trotz der schlechten Arbeitsverhältnisse so gut wie möglich um den Menschen zu kümmern, den sie betreuen.

Kaczynski: In Deutschland leben 800.000 Menschen in stationärer und 2,9 Mio. Menschen in ambulanter Pflege. 2030 müsste jeder zweite Schulabgänger in die Pflege gehen, wenn wir angesichts der demographischen Entwicklung die jetzige Struktur der Pflege aufrecht erhalten worden. Da das nicht geht, brauchen wir einen neuen Mix ganz unterschiedlicher Pflege- und Betreuungsformen. Zu fordern sind angemessene Arbeitszeiten, ein vernünftiges Gehalt und eine Sozialversicherung. Das Problem ist aber natürlich, dass viele Menschen in Brandenburg gar nicht genug Geld haben um angemessen für die Dienstleistung der Betreuungskräfte aufzukommen.

Evers: Wenn ein Mensch dreimal täglich je 30 Minuten lang von einer professionellen Pflegekraft besucht werden muss, summieren sich die Kosten dafür schon auf 3.000 Euro pro Monat.

Vollert: Ich finde es sehr wohltuend, dass bei unserer heutigen Diskussion nicht allein Kosten im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschenwürde, und zwar die auf beiden Seiten: die der Betreuten und die der Betreuenden bzw. der Pflegenden. Der erhöhte Pflegemindestlohn wird die Märkte sehr deutlich regeln. Und eine ganz wichtige Signalwirkung geht von dem Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg aus, das im August 2020 einer bulgarischen Betreuungskraft eine Lohnnachzahlung von 38.000 Euro zugesprochen hat.