Beschluss

Aufgabe von Kirche heute: Not wahrnehmen, Weggemeinschaft zur Linderung und Überwindung von Not anbieten

BESCHLUSS

 

Präambel

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem tief greifenden Umbruch, der einhergeht mit einer starken Verunsicherung der Menschen in diesem Lande. Notwendige radikale Reformen in den Sozialsystemen sowie am Arbeitsmarkt lösen Zukunftsängste aus. Hauptursachen sind die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, die „Globalisierung“ vieler Lebensbereiche, ein wachsendes Ungleichgewicht in der Güterver­teilung, die mit einer zunehmenden Verarmung größerer Bevölkerungsschichten einhergeht. Anfang März 2005 wurde der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung veröffentlicht. Er belegt eine wachsende, gesellschaftliche Kluft: 13,5% der Bevölkerung leben unter der Armuts­grenze (2001: 12,1%). Dabei sind Familien, insbesondere Alleinerziehende überpro­por­tional betroffen. Die Kinderarmut ist seit 1990 um 2,7% gestiegen, mehr als in jeder anderen Industrienation. Mit den wirtschaftlichen Problemen steigen Partnerprobleme, Obdachlosigkeit, Alkoholismus und psychische Auffälligkeiten.

Unsere Kirche darf daran nicht vorbeisehen. Unsere Pfarrgemeinden sind – wenn sie es im Licht des Evangeliums sehen – ja auch selbst „Betroffene“ („wenn ein Glied leidet, leiden alle mit“), denn Armut trifft immer mehr Menschen mitten unter uns! Häufig nehmen wir es aber nicht wahr, denn Armut versteckt sich aus Scham und Angst vor Ausgrenzung.

Der Diözesanrat der Katholiken hat deshalb auf seiner Vollversammlung am 5. November 2005 diese Empfehlung an die Pfarrgemeinden im Erzbistum Berlin erarbeitet, die werben will für eine stärkere Hinwendung der Gemeinden zu den Menschen am Rande dieser Gesellschaft und die bestärken will, wo bereits Initiative ergriffen wurde. Der Text liefert keine Patentrezepte, was zu tun ist. Er will jedoch dazu ermutigen, den Blick zu weiten auf Menschen außerhalb der Kernge­meinde und die Türen weit zu öffnen für diejenigen, die unsere konkrete Hilfe genauso brauchen wie die frohe und freimachende Botschaft des Evangeliums. Als Hilfestellung hat der Diözesanrat deshalb „Ecksteine“ entwickelt, die bspw. im Pfarrgemeinderat besprochen werden können. Ziel ist es, einen Prozess anzustoßen, dessen Ergebnisse in einem Jahr auf der Herbstvollversammlung 2006 des Diözesanrates vorgestellt werden. Jedes Diözesanratsmitglied ist daher aufgefordert, das Anliegen dieses Papiers in seiner Gemeinde oder seinem Verband zur Sprache zu bringen.

Eckstein 1 – Für die Armen optieren

Jesus unterstreicht immer wieder, dass die Hauptadressaten seiner Botschaft die Geringen und gesellschaftlich Verachteten sind. Er gibt den Kranken und Armen, den Zöllnern und Dirnen Vor­rang vor den wohl situierten, den rechtgläubigen und geachteten Juden, denn seiner Meinung nach „bedürfen nicht die Gesunden des Arztes, sondern die Kranken“ (Mt 9,12).

Dabei sind die verbliebenen Stärken der Notleidenden in den Blick zu nehmen. Eine Sichtweise, die diese Menschen nur auf ihre Defizite reduziert, beraubt sie ihrer Würde und fixiert sie in der Opferrolle. Deshalb ist es wichtig, mit wachen Augen die Stärken der Betroffenen zu entdecken und mit diesen zu arbeiten, damit die Armen mit Hilfe unserer Begleitung aus eigener Kraft Wege aus der Not finden und gehen können. „Steh auf und geh!“ ist das Heilungswort Jesu an den Gelähmten (Mk 2,11).

Erkenntnisleitende Fragen:
Sind wir uns als Gemeinde dieser Option Jesu für die Menschen am Rande bewusst und handeln danach? Sind wir darüber im Gespräch, wie dieser „Vorrang der Geringen“ in unserer Gemeinde immer neu sichtbar werden kann? Finden Menschen, die nicht „der Norm entsprechen“ bei uns Aufnahme und Heimat? Wo grenzen wir vielleicht selbst Menschen aus, weil sie nicht unseren „Anforder­ungen“ entsprechen? Ist unser Gemeindeleben so gestaltet, dass auch die „Kleinen, Geringen“ – finanziell und intellektuell – teilhaben können.

Anregungen:
Die Gemeinde erklärt öffentlich und verbindlich ihre Option für die Armen und sucht nach konkreten Möglichkeiten für die Umsetzung im gesellschaftspolitischen Umfeld. Dazu gehört: Diakonisch-pastorale Leitlinien zu formulieren, Aufgaben der Gemeinde unter dem Blickwinkel „Option für die Armen“ abzuklopfen, unauffällige Unterstützungsformen für die bedürftigeren Gemeinde­glieder zu erfinden (Subventionsfonds für Veranstaltungspreise, Kinder-, Jugend- und Senioren­fahrten).

Eckstein 2 – Veränderungsprozesse anstoßen und gestalten

Kirche und Gesellschaft erleben einen Umbruch. Gemeinsam suchen wir nach Wegen und nach unserem Platz, an dem diejenigen, die Kirche als Heimat erleben, denen begegnen, die darin keinen Ort für sich mehr erkennen können. Pfarrgemeinden werden zusammengelegt und neue pastorale Leitlinien entworfen. Dies birgt bei allem Schmerz über Abschiede auch die Chance zum Neuaufbruch zu einer diakonischen Gemeinde. Neuaufbruch bedeutet immer das Risiko des Wagnisses, bedeutet Zeit und Geduld mitbringen und nicht selten kleine Schritte wagen.

Erkenntnisleitende Fragen:
Wo sind wir offene und einladende Gemeinde? Können wir uns in unserer Gemeinde auf den Prozess des Neuaufbruches einlassen? Was bewegt uns? Wo brauchen wir Hilfe und Unterstützung, auch um diejenigen, die zur Hilfe bereit sind, vor Überforderung zu schützen (z.B. durch fachliche Begleitung)? Wie stellen wir sicher, dass erhaltenswerte Strukturen (Gruppen, Hilfsangebote etc.) durch die Gemeinde­zu­sammenlegung nicht verloren gehen? Welche Chancen bietet der Veränderungsprozess? Welche neuen diakonischen Aufgabenfelder können wir jetzt im Veränderungsprozess der Gemeindezusammenlegung, nach Möglichkeit auch in ökumenischer Zusammenarbeit, angehen bzw. neu gestalten?

Anregungen:
Gemeindeberater nutzen, die Kompetenzen der freien Träger der Sozialarbeit, den Caritasverband (Fachbereich „Gemeindecaritas“) und seine Fachverbände, sonstige katholische und evangelische Verbände und Kontakte zur evangelischen Nachbargemeinde in die Gemein­deentwicklung einbinden. Mit konkreten Projekten, die zeitlich begrenzt sind, arbeiten.

Eckstein 3 – Ängste zulassen und Grenzen erkennen

Die Zuwendung zum Nächsten in Not, den wir anders wahrnehmen als uns selbst, bedeutet eine Abwendung vom Gewohnten, vom Vertrauten. Es kann ein Gefühl der Beklommenheit, Hilflosigkeit und sogar der Abwehr hervorrufen.

Erkenntnisleitende Fragen:
Wie gehen wir mit diesen unseren Grenzen, mit diesem Gefühl des Befremdens, mitunter auch der Überforderung um? Wo holen wir uns Hilfe? Wie erhalten wir uns auch bei Rückschlägen und Enttäuschungen die Neugier auf jeden neuen Menschen? Wo kommt konkrete Not (aus Gemeinde, Kiez, Bezirk, Landkreis) in Gebet und Liturgie der Gemeinde vor?

Anregungen:
Ängste zulassen und aussprechen, Berater (bspw. der Caritas) einladen, Grenzen setzen – vor Überforderung gegensteuern, gemeinsam Lösungen suchen, soziale Einrichtungen in der Gemeinde besuchen und Helfer kennen lernen, Not und Grenzen im Gebet vor Gott bringen.

Eckstein 4 – Individuelle Not aufspüren

Not bleibt häufig anonym. Oft wissen wir wenig über die Ängste und Armut der Menschen in unserer Gemeinde. Aber erst wenn Not ein „Gesicht“ bekommt, berührt sie uns.

Erkenntnisleitende Fragen:
Lassen wir uns von der Lebenssituation der Menschen in unserem Wohnumfeld/Gemeindegebiet berühren? Wie erfahren wir etwas darüber? Wie stellen wir sicher, dass es zumindest „unter uns“ keine Armen gibt, von denen wir nichts erfahren? Welche kleinen Schritte können wir mit Blick auf die wachsende Armut in unserer Gesellschaft gehen, um bei allen verständlichen Sorgen um die eigene Gemeinde den Menschen nahe zu sein? Was wissen wir über Hilfsangebote auf unserem Gemeindegebiet?

Anregungen:
Gruppen zu mehr Offenheit ermutigen, das Gespräch über Armut in der Gemeinde verstärken, Gemeindebegehung, regelmäßigen Austausch mit z. B. Caritasdiensten, Kindertagesstätten, Katecheten, Schulen führen, Begegnungs­möglich­keiten schaffen (Kinderaktivitäten, Wohnviertelapostolat entwickeln, liturgische Angebote entwickeln, niedrigschwellige wiederkehrende Angebote entwickeln, Teestube, Müttertreff, Wärmestube, Gemeindefest, Konzert etc.) und bewusst auf Neue zugehen bzw. sie in die Vorbereitung ein­binden, „Mentoren“ für hilfebedürftige Gemeindemitglieder einsetzen, Besuchsdienste und verlässliche Beziehungen aufbauen. Vernetzung mit anderen Diensten und Angeboten in der Nachbarschaft.

Eckstein 5 – Strukturelle Not aufspüren

Not wird häufig als „Privatsache“ angesehen. Einzelne Menschen oder Familien geraten in Not und sprechen nicht darüber. Sozialamt und Beratungsdienste helfen im Einzelfall. In unserer Gesellschaft ist Not aber längst kein Einzelschicksal mehr! Gemeinsam könnte so manche Not gelindert, so manche Ungerechtigkeit beseitigt werden. Pfarrgemeinden sollen Orte der Begegnung sein und mit Betroffenen ihre Stimme erheben, um die Lebensverhältnisse für Menschen im Stadtteil zu verbessern. Gottes Wort an Mose soll uns Leitmotiv sein: „Gesehen, ja gesehen habe ich das Elend meines Volks in Ägypten, gehört, ja gehört habe ich ihre laute Klage. Ich kenne ihr Leid.“ (Ex 3,7) Kennen wir das Leid der Menschen in unserem Umfeld?

Erkenntnisleitende Fragen:
Engagieren wir uns als Gemeinde im Stadtteil für die Schaffung menschenwürdiger und lebens­werter Verhältnisse? Öffnen wir die Räume unserer Gemeinde für Selbsthilfegruppen, für Initiativen, die den „Sprachlosen“ eine Stimme geben wollen? Was können wir tun, damit nicht immer mehr Menschen gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden? Welche Vernetzungsmöglichkeiten im politischen Bereich gibt es?

Anregungen:
Bestellung eine Sozialbeauftragten durch den Pfarrgemeinderat, Bestehende Partnerschaften – etwa mit der evangelischen Nachbargemeinde – nutzen, neue Bündnisse knüpfen und bspw. in einer Stadtteilkonferenz/Armutskonferenz mitmachen, an der Gestaltung von Hilfenetzen bspw. in politischen Ausschüssen mitwirken, Öffnung der Gemeinde für niedrigschwellige Dienste (z.B. Kinderbetreuung, Suppenküche, Sozialberatung, Raumangebot für Selbsthilfegruppen, Kleiderkammer, Aktion „Laib und Seele“, Nachbarschaftshilfe initiieren, Hausaufgabenbetreuung, Vorlesedienste).

Eckstein 6 – Den sozial Engagierten Anerkennung geben

In vielen Gemeinden existieren bereits Hilfsangebote für Menschen in Not. Sei es eine Kranken­besuchsgruppe, eine Kleiderkammer, eine Essensausgabe oder auch ein Unterstützerkreis des katholischen Kindergartens. Manchmal findet diese Arbeit eher im Verborgenen statt und wird von der Gemeinde zu wenig wahrgenommen. Dies wirkt insbesondere auf jüngere Menschen, die sich engagieren wollen, wenig anziehend. Insgesamt braucht jede Gemeinde eine Kultur des Respekts und der Anerkennung. Anerkennung darf sich dabei nicht auf ein jährliches Dankeschön beschränken, sondern muss durch die Gemeinschaft der ganzen Gemeinde kontinuierlich erfahrbar sein. Dazu gehört auch die Sicherung von Weiterbildung und fachlichem Austausch. Anerkennung bedeutet nicht zuletzt Würdigung der Arbeit im Gottesdienst und anderen gemeindlichen Vollzügen.

Erkenntnisleitende Fragen:
Wie stellen wir sicher, dass das stellvertretende, diakonische Handeln Einzelner im Bewusst­sein der ganzen Gemeinde bleibt? Wie kann die Erfahrung der diakonisch Tätigen fruchtbringend in alle anderen Bereiche unserer gemeindlichen Pastoral eingebracht werden? Wo und wie kommen die Sorgen der „Armen“ und unsere Verantwortung für sie in Verkündigung und Liturgie vor? Wo erfahren diakonisch Tätige in unserer Gemeinde Unterstützung, Zuspruch und Anerkennung?

Anregungen:
Caritassonntag nutzen - über die caritative Arbeit berichten, Dankesgesten ent­wickeln (öffentliche Anerkennung, kleine Geschenke, Zeit teilen), caritative Themen mindestens einmal jährlich auf die Tagesordnung des Pfarrgemeinderates setzen, Leitungskräfte caritativer Gruppen offiziell beauftragen (Pfarrer in Gottesdienst/Bischof), die Zusammenarbeit aller Gruppen in der Gemeinde intensivieren: Besuch der Jugendgruppe im Altenheim – Benefizkonzert des Kirchenchores für die caritative Arbeit – Sozialpraktikum der Firmlinge usw., unterstützende Begleitung für Helfergruppen und Einzelhelfer von der Verbandscaritas erbitten, den regelmäßigen Erfahrungsaustausch innerhalb der Gemeinde und auf Dekanatsebene organisieren.