Fischer:innen im digitalen Netz

 „In einer brasilianischen Gemeinde von Fischern stellte jemand die Frage: ‚Warum suchte Jesus einen Fischer wie Petrus aus, um ihm die Leitung der Kirche anzuvertrauen?‘ Die Antwort: ‚Wer sich zu Land bewegt baut eine Straße und asphaltiert sie. Dann wird er immer wieder diesen Weg benutzen. Ein Fischer aber sucht die Fische dort, wo sie sind. Deshalb sucht er jeden Tag einen neuen Weg. Ihm kommt es darauf an die Fische ausfindig zu machen. Es kann ja sein, dass der Weg von gestern nicht zu den Fischen von heute führt." (aus: Piotr Czerki, "Wir, die Netzkinder")

Die Frage welche Wege zu den Fischen von heute führen, bewegt die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen in einem besonderen Maß. Schließlich hat sie einen Auftrag. In der Nachfolge Jesu, den wir als Menschenfischer beschreiben, lassen wir uns in der Taufe senden. Diese Sendung besteht darin, dass wir hinausgehen sollen in alle Welt, um die frohe Botschaft, das freimachende Evangelium, den Menschen zu verkünden (vgl. Mk 16,15). Diese Aufgabe haben wir als Christ*innen über 2000 Jahre weitergegeben. Wir versuchen Menschen zu erreichen und ihnen von der Gegenwart Gottes zu erzählen, sie für Jesus zu begeistern und Gottesbegegnungen zu ermöglichen – auf die uns jeweils ganz eigene Art.

Die Fische von heute, um im sprachlichen Bild des Anfangs von Piotr Czerki zu bleiben, schwammen lange im Lockdown. Digitalität hat unser Leben verändert. Manche sagen vereinfacht und bereichert, andere sagen erschwert und verkompliziert. Egal wie man sich zur Digitalität verhalten mag, eins steht fest: Sie ist und wird zunehmend Lebensrealität. Viele Menschen mussten "digital" erst lernen, dennoch sind die meisten gekommen, um zu bleiben.

Es geht nicht mehr darum "online zu gehen", sondern Menschen sind online. Das Internet ist sozialer Raum, Lebenswelt geworden, der keine andere Welt darstellt, sondern ganz alltäglich zum Leben gehört. Die Corona-Pandemie hat vielleicht nochmals als Katalysator gewirkt und diese Entwicklung beschleunigt und in der Relevanz verdeutlicht.

Während Menschen immer mehr online sind, hat man bei der Kirche manchmal das Gefühl, das Internet ist bis jetzt weniger noch Lebens- und Gestaltungsraum geworden. Da liegen noch ungenutzte Chancen und Ressourcen, unseren Sendungsauftrag zu erfüllen. Woran liegt das?

Eine These dafür mag sein, dass die synchrone Übersetzung von analog zu digital nicht oder nur zu Teilen möglich ist. Was analog die Menschen für Gott begeistert, ihnen spirituelle Erfahrungen ermöglicht oder sie dem Evangelium näher bringt, ist im digitalen noch lange nicht genau so anwendbar. Die Digitalität bietet uns viele verschiedene Möglichkeiten, Botschaften zu übermitteln, aber sie sprechen andere Wahrnehmungskanäle und -ebenen an. Das gilt es zu berücksichtigen, um zielführend digital arbeiten zu können. Dazu gehört es auch klar zu haben, wen man mit seinem Angebot ansprechen möchte. Schon lange ist bekannt, dass "alle" keine Zielgruppe ist, weil am Ende kaum jemand wirklich angesprochen wird. Im Digitalen wird das noch einmal deutlicher dadurch, dass sich unterschiedliche Zielgruppen auf unterschiedlichen Social Media Plattformen befinden, sodass Inhalte je nach Zielgruppe eine bestimmte Plattform benötigen. Vielleicht geht es dann weniger darum, jeden Trend mitzumachen, als vielmehr darum, beständig Ideen zu (weiterzu-)entwickeln die eigenen Inhalte qualitativ und ansprechend zu vermitteln.

 Eine andere These ist sicherlich die Art, wie der Inhalt angeboten wird. Auch im Digitalen muss diese von gewissen Kriterien geleitet sind. Der schönste Style, die modernsten Farben und Formen helfen nicht, wenn der Inhalt unverständlich formuliert ist, wenn meine Formulierung nichts mit der Lebensrealität der Menschen zu tun hat. Es kommt vielleicht viel mehr darauf an, dass wir uns den zentralen, relevanten Themen im Alltagsleben der Menschen auf christliche Art und Weise nähern. Sie vor dem Kontext des Evangeliums überdenken und prüfen: Wo erreiche ich meine Zielgruppe für diesen Inhalt, dieses Angebot eigentlich? Ist das richtige Format ein Youtube-Video oder ein Instagram-Post oder muss ich vielleicht doch zu TikTok oder Facebook, weil dort meine Zielgruppe unterwegs ist? Nicht zuletzt eins der wichtigsten Kriterien im Digitalen: Welchen Benefit hat der*die User*in? Was ist der Vorteil, die Motivation, das Gute daran, Lebenszeit für das Betrachten des Beitrages aufzuwenden? Wenn ich diese Fragen beantworten kann, komme ich eventuell dem Ziel viel näher als gedacht – so zumindest meine These.

Wir können unsere Botschaft noch so schön verpacken, wenn wir es nicht schaffen eine Lebensweltrelevanz für die Empfänger*innen zu kommunizieren, dann werden wir sie nur schwerlich erreichen. Der Glaube an Gott und seine Möglichkeit die Welt zu verändern sind aber alles andere als irrelevant für jeden Menschen, es geht nur darum, die richtigen Kanäle, die richtige Sprache und Inhalte zu finden, die das wirklich vermitteln und die Lust darauf machen, mehr zu erfahren – von Gott, von seiner Geschichte mit den Menschen, von Jesus und dem Reich Gottes. Als Gemeinschaft der Glaubenden, als Kirche, müssen wir lernen, auch außerhalb unserer eigenen Filterblase zu kommunizieren und dazu gehört es auch zu lernen, wie dort kommuniziert wird. Es geht im Digitalen weniger um einseitige Kommunikation, sondern um Dialogbereitschaft und Community-Bindung. Digitalität bedeutet auch einen hohen Anspruch an die eigene Dialogbereitschaft und Dialogfähigkeit – digital präsentierte Inhalte können diskutiert werden und im Bereich von Social Media sollen sie das sogar explizit. Social Media bietet eine Plattform für Glaubenskommunikation, wenn ich dafür bereit bin. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass ich mich in Frage stellen lassen muss. Daraus kann das vielleicht Wichtigste in der digitalen Verkündigung erwachsen: In Beziehung sein, in den Dialog treten. Wenn ich Dialog dann ehrlich meine, bedeutet das auch, die Meinung meines Gegenübers hören zu wollen und beinhaltet die grundsätzliche Bereitschaft, meine eigene Meinung durch die des anderen verändern zu wollen – gemeinsam bereichernd zu sein für den eigenen Standpunkt und den des Gegenübers.

Eventuell ist genau das unser Auftrag als Kirche im Digitalen: neue Wege zu finden, wirklich zuhören lernen, sich berühren lassen, sich wirklich hinterfragen lassen und gemeinsam Antworten suchen.

 

Franziska Kleiner
Referentin der Jugendkirche sam und digitale Verkündigung

Photo: Mayar Zidan / Unsplash